11 April 2007

Verteidigungsrede

»Gott ist Geist«, lehrt die Bibel. Wird dieser Geist vermenschlicht und verpersönlicht, so wird sich in diesem Bilde immer der jeweilige Geschmack der Menschen aussprechen. »In seinen Göttern malt sich der Mensch.« Es gibt keinen Lehrsatz der Kirche, der vorschreibt, so und so hat man sich Gott, oder Jesus, oder Maria, oder den Teufel vorzustellen, mit einem solchen Kopf, solchen Augen, solcher Körperbeschaffenheit, solcher Haarfarbe, solchem Ausdruck usw. Hier herrscht absolute Wahlfreiheit. Die Bibelausleger beziehen eine Stelle im Alten Testament auf Christus, da heißt es: »Er hatte weder Gestalt noch Schönheit.« Also ist es bibelgemäß, sich Christus häßlich vorzustellen. Wer will nun die Grenze ziehen und sagen, hier ist erlaubte Vermenschlichung, dort beginnt die Gotteslästerung? Ganz streng genommen, müßte, da Gott nach der Bibellehre »Geist« ist, jede Verbildlichung verpönt werden. Aber von dieser sublimen Auffassung ist niemand weiter entfernt als die Kirche und ihre Vertreter selbst. Somit kann die Kirche, und wer sonst kirchliche oder religiöse Interessen vertritt, niemand verwehren, sich Gott jung oder alt, robust oder gebrechlich usw. vorzustellen.

In der Vision des Dichters gewinnt der traditionelle Himmel, und was darin vorgeht, eine Gestalt, die sich also recht eigentlich jeder Diskussion entzieht. Der Dichter hat es so gesehen, wie er's sehen mußte, aus einem künstlerischen Zwang seiner schöpferischen Phantasie heraus, und damit Punktum. Man kann seine Vision annehmen oder ablehnen, aber man kann sie nicht polizeilich abwandeln, man kann sie nicht strafen. Das Forum, vor dem sich Dichter und Künstler einzig zu verantworten haben, ist die ästhetische Kritik. Die Frage kann nicht auf theologischen, sondern allein auf künstlerischen Wert oder Unwert gerichtet sein.


Panizza: Meine Verteidigung in Sachen »Das Liebeskonzil«. S. 157

10 April 2007

Die Luther-Bibel ein Etikettenschwindel?

Laut einer unwidersprochenen Meldung von kath.net/idea hat Peter Hahne, Fernsehjournalist und Ratsmitglied der EKD auf einer Veranstaltung, die vor allem seiner Kritik an der Bibel in gerechter Sprache diente, wortwörtlich gesagt:
„Wo Bibel draufsteht, muss Urtext drin sein,
alles andere ist durchschaubarer Etikettenschwindel“.


Nähme man Hahne beim Wort, dann wären weder die Luther-Bibel noch die Einheitsübersetzung noch die Gute-Nachricht-Bibel noch irgend eine andere der auf der Bibelausgabenseite der EKD verzeichneten Texte richtig etikettiert, denn sie alle enthalten natürlich nicht den Urtext. Sie enthalten allenfalls Übersetzungen oder Übertragungen. Die Urtexte sind in Hebräisch oder Griechisch, was Hahne als Diplomtheologe eigentlich wissen müsste.

Dazu passt, dass Hahne im gleichen Vortrag Papst Benedikt XVI. so auffällig lobt, der ja gerade die Rückkehr zur lateinischen Messe gewünscht hatte. Da wird sich das Kirchenvolk künftig freuen können: die Messe auf Latein und die Bibel in Hebräisch und Griechisch. Mir kann es gleich sein, ich kann alle drei Sprachen, aber für die Mehrheit der Kirchenangehörigen wird die religiöse Überlieferung wieder: ein Buch mit sieben Siegeln.

Eines aber muss man Hahne lassen: er ist gerecht. Er greift nicht nur die Bibel in gerechter Sprache scharf an, sondern bezeichnet zugleich indirekt die Luther-Bibel als "Etikettenschwindel". Und das als "lutherischer Journalist" und EKD-Ratsmitglied! Wer hätte ihm das zugetraut?

09 April 2007

Sol LeWitt gestorben

Der amerikanische Konzeptkünstler Sol Lewitt ist im alter von 78 Jahren gestorben. In seinem Werk definiert er Kunst als begrifflich – im Gegensatz zur optisch orientierten Wahrnehmungskunst – da sie für den Betrachter vornehmlich in geistiger Hinsicht interessant sei. Hierbei steht die Idee, das Konzept eines Werkes im Vordergrund.

04 April 2007

Ein Wunder!

Gerade kommt die DVD-Sammlung "40.000 Meisterwerke" aus der Digitalen Bibliothek auf meinen Schreibtisch. Natürlich macht einen das neugierig, welchen Fundus an Werken und Informationen man da vor sich hat.

Und gleich am Anfang meines Stöberns bin ich auf ein Wunder gestoßen, das Wunder der Prophetie in der Kunst:

Laut DVD hat Bacchiacca (1494-1557) zwischen 1540 und 1545 ein Bildnis des Kardinals Leopold erstellt. Da sieht man einmal die visionäre Kraft historischer Kunst. Denn Leopoldo de Medici lebte von 1617 bis 1675 und wurde 1663 Kardinal!

In Wirklichkeit ist das Werk natürlich von Baciccio, eigentlich Giovanni Battista Gaulli (1639-1709) und so wird es auch in allen seriösen Datenbanken geführt.

Aber Wunder interessieren uns natürlich viel mehr. Und so fragen wir uns, wie Bacchiacca gut 120 Jahr vorher schon wissen konnte, wie der Medici-Kardinal aussehen würde.


01 April 2007

Heft 46 des theomag ist erschienen

Das aktuelle Heft des Magazins für Theologie und Ästhetik trägt den Titel

KUNST und KIRCHE


Es enthält Beiträge von Andreas Mertin, Horst Schwebel, Henner Herrmanns, Hans-Will Weis, Karin Wendt, Jörg Herrmann, Christoph Fleischer und Stefan Budian.

Der Bitterfelder Weg der Evangelischen Kirche
Ein kulturtheologisches Menetekel
Andreas Mertin

Kunst im Kontext Kirche
Positionen - Anti-Positionen - Praktische Folgerungen
Horst Schwebel

Über den profanen Umgang mit sakraler Architektur
Analyse oder Anamnese?
Henner Herrmanns

Religion und Romantik
Eine Beziehungsgeschichte im Original und als Remake
Hans-Willi Weis

Reiseeindrücke zwischen Kirche, Kultur und Kunst
Stefan Budian

Parallelen
Fritz Winter, Gerhard Richter, Tadao Andō
Karin Wendt

Gregor Schneiders "Cube Hamburg"
Jörg Herrmann

Religion gibt dem Leben Sinn
Eine Rezension
Christoph Fleischer

Visuelle Dubletten
Eine Empfehlung zu Johannes 2, 16
Andreas Mertin

Erwünschte Differenzen
Die Bibel in gerechter Sprache
Andreas Mertin

Blackbox

22 März 2007

Verzweifelte Situation der Kunst?

"Mir scheint, daß heute eine, sagen wir, widersprüchliche Situation der Kunst, auch eine etwas verzweifelte Situation der Kunst hervorgehoben werden kann. Auch heute inspiriert die Kirche, weil der Glaube und das Wort Gottes unerschöpflich sind. Und das gibt uns allen Mut. Es schenkt uns die Hoffnung, daß die Welt auch in Zukunft neue Glaubensvisionen haben wird, und zugleich die Gewißheit, daß die bereits hinter uns liegenden zweitausend Jahre christlicher Kunst immer lebendig und immer ein »Heute« des Glaubens sind."

Aus der Begegnung von Papst Benedikt XVI. mit den Priestern der Diözese Rom Ende Februar im Vatikan. Und im selben Gespräch:

"So wird auch die Kirche nicht als ein Organismus der Unterdrückung oder der Macht – wie manche sie hinstellen wollen –, sondern als Organismus einer geistig-spirituellen Fruchtbarkeit erscheinen können, die in der Geschichte unwiederholbar ist oder zumindest, so wage ich zu sagen, außerhalb der katholischen Kirche nicht festgestellt werden kann."

Soweit die Binnenperspektive des katholischen Ordo.

17 März 2007

11 März 2007

Musikvideos und Youtube

"Sieht man das Angebot an Filmvideos, das hier und jetzt für jedermann mit Internetanschluss gratis zugänglich ist, ist es schwer verständlich, weshalb "gediegene" Musikprogramme so blutleer, unberechenbar oder schlicht langweilig sind. Wir sollten YouTube also als eine Form des Protests betrachten. Und als eine Vision des Musikfernsehens, eine aufgeschlossene vielstimmige Video-Jukebox, die der Gegenwart wie auch der Vergangenheit ihren Platz einräumt und die die Abgrenzung zwischen E- und U-Musik lächerlich findet." [Steve Lake in der Süddeutschen]

[Mehr ...]

10 März 2007

Cool

http://www.walfang.org/

09 März 2007

3D zum zweiten

Verwirrung gab es gestern, weil Berlin gleich zweimal dreidimensional bei Google-Earth online ging.

Was im gestrigen Blogbeitrag vorgestellt wurde, waren die Daten der RSS-GmbH.

Parallel gab es aber auch die offiziellen Daten der Stadt Berlin, deren kmz-File andere Bilder generiert. Hier werden vor allem die Highlights hervorgehoben und erfahrbar gemacht.

Nicht alle Fassaden waren bei mir schon mit Texturen gefüllt, dafür gab es beeindruckende Modelle des Hauptbahnhofs und des Reichstages, die quasi begehbar sind.

Den Hauptbahnhof von Gerkan fand ich besonders eindrucksvoll.

08 März 2007

Wir bauen die Welt - im Modell

Seit heute ist die Berliner Innenstadt bei Google-Earth in einem 3D-Modellbau zu betrachten. Wer GoogleEarth 4 installiert hat und das entsprechende kmz-File herunter lädt, kann nun virtuell durch Berlins Straßen 'marschieren'.

Der Eindruck ist ebenso überwältigend wie desillusionierend. Überwältigend, weil man wirklich durch die Straßen flanieren kann und die Gebäude en detail sieht. Das ist tatsächlich faszinierend und vermittelt ein Gefühl davon, was in den nächsten Jahren an virtueller Vergegenwärtigung auf uns zukommt. Desillusionierend ist es, weil das alles mehr wie eine Ansammlung von Faller-Häuschen ("Wir bauen die Welt im Modell") aussieht als ein Abbild von Wirklichkeit zu sein. Kein Großstadtflair, sondern eine Heimwerkeridylle.

Produktiv wird es da, wo man städtebauliche Pläne als Bürger überprüfen kann, z.B. den Wiederaufbau des ehemaligen Stadtschlosses neben dem Berliner Dom. Auch das ist ebenso faszinierend wie desillusionierend. Zur Faller-Welt würde es passen.

Wider die neue Bürgerlichkeit

Die Albertina Wien in Kooperation mit dem Milwaukee Art Museum, dem Deutschen Historischen Museum Berlin sowie dem Musée du Louvre Paris zeigt noch bis zum 13. Mai 2007 die Ausstellung "Biedermeier - Die Erfindung der Einfachheit".

"Die Erfindung der Einfachheit - als Stil wie als ethische Haltung - wirkt nach dem Wiener Kongress von der Haupt- und Residenzstadt aus in andere Kunstzentren Mittel- und Nordeuropas. Dieser für den Aufbruch der Moderne um 1900 so einflussreiche Stil des frühen Wiener Biedermeier mit seiner Reduktion und Materialästhetik wird in dieser Großausstellung als internationales Phänomen präsentiert: mit den Parallelerscheinungen in Goethes Weimar, in München, Berlin und Kopenhagen."

FAZ

06 März 2007

Baudrillard verstorben

Der Soziologe und Philosoph Jean Baudrillard ist tot. er starb er am Dienstag in Paris nach langer Krankheit. Der einstige Deutschlehrer und Brecht-Übersetzer wurde 77 Jahre alt. Baudrillard, einer der einflussreichsten Denker der Postmoderne, hatte Soziologie an der Universität Nanterre gelehrt, die im Zentrum der Protestbewegung vom Mai 1968 gestanden war. In der Folgezeit machte er sich als scharfer Kritiker der Konsumgesellschaft und der Medien einen Namen.

ZEIT
Süddeutsche Zeitung
NZZ
Telepolis

20 Februar 2007

Kaum zu glauben

Da bin ich doch über folgende kaum zu glaubende Meldung in der Schwäbischen Zeitung gestolpert:

Pfarrer Schmid erhält den Doktortitel
"Doch kein katholischer Theologe hat sich in den vergangenen 50 Jahren bemüht, den Zusammenhang von Verkündigung und Kunst zu klären", sagt Schmid und behauptet, christliche Bilder und Skulpturen wirkten wie das Predigen als eine Verkündigun der Frohbotschaft. Für diese These wird ihm die Universität Tübingen den Doktorgrad (Magna cum laude) verleihen.


Vielleicht sollte man in Tübingen doch mal über Folgendes nachdenken: Zur Wahrheit über den Widerspruch.

18 Februar 2007

Ethik der Mode

Isabelle Quéhé ist die Erfinderin der Ethical Fashion Show®, der ersten internationalen Modenshow, bei der sich alle Teilnehmenden einem ethischen Codex verpflichten. Die diesjährige Show findet vom 12. bis zum 15. Oktober 2007 im Tapis Rouge in Paris statt. Auch die Internetpräsenz ist einen Besuch wert.

15 Februar 2007

"Kulturschaffende"

Am kommenden Mittwoch wiederholt sich ein Ritual, das man "Aschermittwoch der Künste bzw. der Künstler" nennt. Die höchsten Vertreter der Kirche empfangen ausgewählte Vertreter der Künste, um ihnen ein Aschekreuz auf die Stirn zu malen. Der Künstler Georg Meistermann hat einmal ironisch dazu bemerkt, dass dieser Ritus in der Katholischen Kirche entstanden sei, weil man die Gruppe der Künstler für besonders sündig und vergebungsbedürftig hielt. Ausdruck einer Wertschätzung ist es jedenfalls kaum, eher Ausdruck einer überholten höfischen Kultur. Besser wäre es, die entsprechenden kirchlichen Potentaten würden auch im Alltag der Kirche eine entsprechende Wertschätzung der freien Künste pflegen. Das tun sie aber nicht.

Am kommenden Mittwoch empfängt nun auch die Bischöfin Margot Käßmann, gerade im letzten Jahr noch aufgefallen durch besonders kulturfreundliche Worte, die Künstler zu einem Aschermittwoch der Künste. Vermarktet wird das von der EVLKA unter der Überschrift "Landeskirche empfängt Kunst- und Kulturschaffende". Das ist schon eine mehr als entlarvende Ankündigung, denn der Begriff des 'Kulturschaffenden' stammt aus den Wirren der Weimarer Republik und kam dann vor allem im Nationalsozialismus unter dem Reichspropagandaminister Goebbels, der zugleich Präsident der Reichskulturkammer als Vereinigung aller Kulturschaffenden war, zu Ehren. Und auch das System der DDR machte sich den Begriff zunutze. Das Lexikon vermeldet: "In allen totalitären Systemen war die Verwendung des Begriffs verbunden mit der Festlegung politisch gesellschaftlicher Aufgaben der "Kulturschaffenden" (zugunsten des jeweiligen Systems)." Bereits 1946 wurde das Wort dem "Wörterbuch des Unmenschen" zugerechnet. Heute zählt es zu den "überlebensfähigen Resten" der DDR-Sprache.

Dass in der Pressemeldung das Wort "Kulturschaffende" verwendet wird, mag im konkreten Fall ein Zufall sein. Es ist aber nicht zu übersehen, dass das Wort seit einigen Jahren in kirchlichen Veröffentlichungen Verwendung findet. Und ich vermute, dahinter steckt ein Programm. Nicht umsonst ist die EVLKA schon seit längerem dafür bekannt, ein Programm der Rückführung der Künstler zur kirchlichen Programmatik zu verfolgen. Und da ist dann das Wort "Kulturschaffender" ein treffendes Wort.

14 Februar 2007

Otto Mauer

... der sicher in der deutschsprachigen Kultur einzigartige Theologe, was die Verbindung mit der Kunst betrifft, wäre in diesen Tagen 100 Jahre geworden. Der Standard stellt ihn in einem Bericht vor.

Das Wiener Dommuseum widmet Otto Mauer eine Ausstellung unter dem Titel: "Happy Birthday, Monsignore!"

12 Februar 2007

Mathematik und Kunst

.... ist das Thema einer Ausstellung im Kulturspeicher Würzburg. In der Beschreibung heißt es: "Die Konkrete Kunst ist eine Kunst, die sich auch mit Geometrie, Stereometrie und Trigonometrie beschäftigt, mit Permutationen und Gleichungen, Zufall und Chaos, somit mit Mathematik. Die Ausstellung ... veranschaulicht die Bandbreite der Beziehung zwischen beiden Bereichen. Beginnend mit Werken der 1920er Jahre, der Entstehungszeit konstruktiv-konkreter Kunst, spannt sie den Bogen bis zur Gegenwart. Vertreten sind u.a. Joseph Albers, Paul Klee, El Lissitzky, George Vantongerloo und Sonia Delaunay, die Zürcher Konkreten mit Max Bill und Richard Paul Lohse und auch jüngere Künstler. Begleitende Tafeln und plastische Modelle veranschaulichen die mathematischen Verfahrensweisen und Prinzipien, die den Bildern zugrunde liegen.

04 Februar 2007

Raubkunst und Restitution

Ein breites Spektrum an Perspektiven zur Problematik verspricht die vom Moses Mendelsohn Zentrum initiierte internationale Konferenz "Eine Debatte ohne Ende? Raubkunst und Restitution im deutschsprachigen Raum" vom 22. bis zum 24. April 2007 im Alten Rathaus in Potsdam.

01 Februar 2007

Heft 45 des theomag ist erschienen!

Das aktuelle Heft des Magazins für Theologie und Ästhetik trägt den Titel KUNST-STÜCKE. Es ist dem Religionspädagogen Dietrich Zilleßen zum 70. Geburtstag gewidmet. Es enthält Beiträge zu Kunst, Theologie, Religionspädagogik und Popularkultur von
Weitere Informationen finden Sie im Editorial.