21 Juni 2013

Zeitgeist II

Nun hat auch der Spiegel, bestens ausgewiesenes Medium zur Verteidigung der Religionskultur, zumindest auf seiner Online-Ausgabe zum Familienpapier der EKD Stellung bezogen. Unter der Überschrift „Scheidung leichtgemacht“ bemüht sich Jan Fleischhauer nach Kräften, sich lächerlich zu machen. Man merkt gleich am Anfang, dass Fleischhauer offenbar seit Jahren nicht mehr auf einer evangelischen Hochzeit war. Um den Satz „Bis dass der Tod euch scheidet“ von der Agenda evangelischer Trauzeremonien zu nehmen, bedurfte es gewiss nicht eines Familienpapiers der EKD. Derartiges wurde schon lange im Traugespräch mit dem Paar abgesprochen.

Aber Fleischhauer nimmt es nicht so genau mit den Fakten. Die EKD hat ganz sicher nicht eine Orientierungshilfe zur Familienfrage für ihre Würdenträger herausgegeben. Zum einen dürfte die EKD als Verwaltungseinheit das gar nicht, das läge in der Hand der einzelnen Landeskirchen. Zum anderen sind die Pfarrerinnen und Pfarrer nach evangelischem Verständnis gar keine Würdenträger. Da muss sich Fleischhauer schon nach Rom wenden. Aber Fleischhauer wiederholt nur die ganz und gar vom Denken befreite Formel „Die Evangelischen sind nicht katholisch“. So ein Schreck aber auch. Ja, der Protestantismus ist die Religion, die das Selbstbestimmungsrecht des Individuums seit 500 Jahren konsequent gefördert hat – aus theologischen Gründen. Die merkwürdige Idee, dass das evangelische Subjekt einer übergeordneten Institution bedürfe, die ihm in religiöser Perspektive sagt, wo es lang geht, ist seit Jahrhunderten Makulatur der Religionsgeschichte. Sapere aude! kann man da nur sagen.

Dass Fleischhauer in seiner ressentimentgeladenen Kolumne auch noch schnell den antijudaistischen Sprachgebrauch „alttestamentarisch“ pflegt (Da wird selbst der sanfte Nikolaus Schneider, der Käßmann im Amt des EKD-Ratsvorsitzenden nachfolgte, ganz alttestamentarisch), verwundert kaum. Ja, die Juden waren immer schon ausfallend und zornig und die Evangelischen machen es ihnen in Fragen der Wirtschaftsethik nach. Die politischen Zuordnungen, die Fleischhauer vornimmt, sind ebenso lächerlich. Da wird sich Günter Beckstein aber wundern, dass er jahrelang Vizepräses der Synode der Kirche der Grünen war. Wie kann man nur auf so wenigen Zeilen so viel Unsinn schreiben?

Mir würde es aber reichen, wenn Fleischhauer nur eine einzige Predigt der letzten 500 Jahre benennt, mit der er – wie er so schön schreibt – „verlässlich“ Auskunft darüber bekommen könnte, was jenseits des Diesseits passiert. Denn er möchte von evangelischen ‚Würdenträgern‘ verlässlich Näheres über Himmel und Hölle erfahren. Da kann er lange warten. Kein Mensch dieser Welt kann ihm da helfen, selbst Visionen und Erscheinungen bieten keine „verlässliche“ Grundlage – da muss er schon selbst glauben. Schickt er deshalb seine Kinder in die Kirche, damit sie statt von der Rechtfertigungslehre und der vorausgehenden Gnade Gottes etwas über die Hölle erfahren? Dann sollte er die Konfession wechseln. Die Katholiken behaupten wenigstens ab und an, sie wüssten über die Hölle Bescheid.

20 Juni 2013

Zeitgeist

Die neue Orientierungshilfe der EKD zur Familie löst unter konservativen Christen der beiden großen Konfessionen Ängste aus. Weil man schon längst Religion in Moral und Werte überführt hat, basht man nun die EKD, weil diese Moral und Werte anders bewertet als man selbst. Dass ein Journalist schreiben kann, die Leitlinien zeichne „eine schockierend unideologische Alltags- und Realitätsnähe aus“ und das kritisch meint, lässt mich daran zweifeln, ob er jemals begriffen hat, was Protestantismus eigentlich ist.

Letztlich wiederholt man nur einen Satz: dass die evangelische Kirche nicht katholisch sei. Gott sei Dank! Dass jemand nach der Aufklärung ernsthaft noch fragt, wer denn die Christen am Ende vertreten würde, ohne auf die Idee zu kommen, dass genau diese Frage vor knapp 500 Jahren die Differenz von evangelisch und katholisch begründet hat, ist schon merkwürdig und zeigt, dass der Protestantismus seine Ideen noch besser kommunizieren muss. Nein, nicht die EKD, nicht die katholische noch eine sonstige Kirche vertritt uns, wir bedürfen keiner Heilsschätze verteilenden Zwischeninstanzen, sondern stehen unmittelbar vor dem Herrn. Der theologische Überbau, den Ulf Poschardt in der WELT einklagt („die Kirche als Schwergewicht des Normativen“), ist gerade jener unerträgliche als Religion verbrämte Moralismus, den der Protestantismus zugunsten der Freiheit des Christenmenschen beiseite geräumt hat.

Heute leidet die Kirche unter einem moralischen Ballast, der aus einer Zeit stammt, als Religionen und Theologien nicht nur für die Gotteslehre, sondern auch für den Fortbestand der Gesellschaft zuständig waren. Sie mussten also Regeln aufstellen, die diesen Fortbestand zu garantieren schienen. Heute, in einer ausdifferenzierten Gesellschaft, sind es die Bürger selbst, die diese Regeln diskutieren und über das Parlament festlegen. Und dabei stellen sie fest, dass der Bann des scheinbar Andersartigen, den frühere Gesellschaften gegenüber Minderheiten und auch anderen sexuellen Orientierungen ausgesprochen hat, sich nicht mehr halten lässt. Tattoos und Piercing sind keine Todsünden, auch wenn es in der Bibel so steht, und auch Homosexualität ist keine Sünde. Diese sich religiös gebende Verurteilung ist überholt.

Ja, die Evangelische Kirche lebt das „Anything goes“. Anders als Poschardt in der WELT es uns aber nahelegen will, heißt „Anything goes“ nach Paul Feyerabend gerade nicht Beliebigkeit, sondern das bewusste Erkunden der Freiheitsräume des Menschen. Schauen wir, was geht. Die Evangelische Kirche ist, das zeichnet sie aus, ein Schwergewicht der Freiheit.

01 Juni 2013

Heft 83 von tà katoptrizómena ist erschienen!

White Cube

und versammelt folgende Texte:
 
Eine Vision: Die Inspiration des Dichters (Elisha in der Kammer an der Wand)EDITORIAL

VIEW

Die Geste des weißen Raumes
White Cube – oder: Die Szenografie reformierten Glaubens
Andreas Mertin

RE-VIEW

Clown in der Dämmerung
Wolfgang Vögele

Was nicht mehr gedeutet werden kann.
Zum Spätwerk des Schweizer Malers Ferdinand Hodler
Wolfgang Vögele

UNTER DEN REIFEN LIEGT DIE STADT
Stichworte / Telegramm zum Thema Stadt
Barbara Wucherer-Staar

Berechtigte Kritik am Despotismus der Freiheit
und zugleich Begründung deutscher Revolutionsangst

Eine Rezension
Hans–Jürgen Benedict

Bilder-Dienst am Wort
Eine rezensierende Auseinandersetzung
Andreas Mertin

Literatur verlegen
Eine Besprechung
Andreas Mertin

Am nächsten Tag die nächste Geschichte
David Bowie „The Next Day“
Andreas Mertin

POST

„Wie unglücklich sind doch die Reichen“
Heines Vorschlag zur Lösung der Kamelfrage, Steuersünder Hoeneß und die Superreichen von heute
Hans–Jürgen Benedict

Die „Fantastic Voyages“ von Gotye
Besprechungen ausgewählter Videoclips XXXVII
Andreas Mertin

Notizen I
Ein Blogsurrogat
Andreas Mertin

31 Mai 2013

Monotheismus-Debatte (Forts.)

Inzwischen gibt es einige weitere Beiträge zur Monotheismus-Debatte:

17 April 2013

Monotheismus-Debatte

Zwei weitere Texte aus der Monotheismus-Debatte des Perlentauchers sind noch nachzutragen. Ich liste gleich einmal alle bisherugen Texte als PDF-Dateien auf:

14 April 2013

Ist das Religion?


LE 12e HOMME

10 April 2013

01 April 2013

Heft 82 von tà katoptrizómena ist erschienen!

Religion und Politik

und versammelt folgende Texte:
EDITORIAL

VIEW

Kirchliche Arbeit im urbanen Gemeinwesen
Jörg Herrmann

Religion in post-säkularer Gesellschaft?
Andreas Mertin
Die Tradition des „Politischen Nachtgebets“ um Dorothee Sölle
Stefan Schütze


„El Greco malt den Großinquisitor“
Eine rekonstruierende Re-Lektüre
Andreas Mertin

RE-VIEW

Kunstpolitik der Kirchen
Eine Rezension
Eckhart Marggraf

Karlsruhe ist nicht Miami
Wolfgang Vögele

Abenteuer Gegenwart
Bernard Schultze - Gegenwelten
Barbara Wucherer-Staar

Objets Corrigés aus der Aluminiumzeit
Hans Salentin
Barbara Wucherer-Staar

Anfangen und Aufhören
Armin Münch

Bescheidenheit mit weitem Horizont
Eine Rezension
Harald Schroeter-Wittke

Ein Hiob auf dem Meer
Ang Lees 3D-Film Schiffbruch mit Tiger
Hans-Jürgen Benedict

Ein schlichtes Herz?
Ironisch-sarkastische Kirchen- und Religionskritik bei Gustave Flaubert
Hans-Jürgen Benedict

Parrot
Zur Ikonographie des Religiösen VIII
Andreas Mertin

Erinnere Dich!
Buchempfehlungen
Andreas Mertin

Unter Beteiligung
Kurzvorstellungen
Andreas Mertin

POST

Drohnen
Besprechungen ausgewählter Videoclips XXXVI
Andreas Mertin

Politik mit Zahlen
Wie idea den Protestantismus mit Hilfe des Kommunismus kleinmacht
Andreas Mertin

Jesus mit Füßen getreten?
Über christliche Empörungsrituale
Andreas Mertin

10 März 2013

Fast schon bei Gott

Auf den konservativen Seiten des Katholizismus wird ein Loblied auf Benedikt XVI. verbreitet, das schon weh tut. Hedwig Courths-Mahler hätte es nicht besser und kaum tränenreicher machen können. Auf kath.net schildert jemand seine Stalkertour auf den letzten Schritten des scheidenden Papstes und landet schließlich bei einem scheinbar mirakulösen Ereignis auf der Sommerresidenz. Der Wind weht! Er ist darob überwältigt und fasst herzensmutig all seine Erkenntnisse zusammen:  

"Ich gebe zu, wir hatten Tränen in den Augen. Noch einmal zeigte sich die Größe in der Demut dieses Mannes, der das höchste Amt auf Erden, das Papstamt, niederlegte, um fortan ein einfacher Pilger, ein Betender zu sein. Einer wie wir alle, nur Gott ein wenig näher."

Da ist sie wieder, die alte katholische Lehre wir seien alle gleich, aber einige seien eben doch dem Himmelreich schon zu Lebzeiten ein wenig näher als die anderen. Nein, Benedikt ist Gott sicher nicht näher als irgend ein anderer Mensch, er unterliegt der Prädestination wie jeder andere auch. Im Mittelalter hat man das gewusst und auf die Höllendarstellungen gerne auch Päpste und Priester eingezeichnet. Diese Gottes Gericht vorwegnehmende Lobhudelei ist schwer erträglich. Ultramontaner Hedwig Courths-Mahler-Kitsch eben.

16 Februar 2013

Kleines Zitat zur liberalen Theologie

"Die gegenwärtig – im Gegensatz zu der reich und konkret ausgebildeten religiösen Vorstellungswelt von früher – vorherrschende Meinung, Leben und Erfahrung der Menschen, die Immanenz, sei eine Art von Glaskasten, durch dessen Wände man auf ewig unveränderliche Seinsbestände einer philosophia oder religio perennis blicken könne, ist selber Abdruck eines Zustands, in dem der Offenbarungsglaube nicht mehr in den Menschen und der Ordnung ihrer Verhältnisse substantiell gegenwärtig ist und nur durch verzweifelte Abstraktion gehalten werden kann."

Theodor W. Adorno: Vernunft und Offenbarung

Müller: Plädoyer für das Sowohl als auch

Der vierte Beitrag in der Debatte zum Thema Monotheismus und Gewalt, diesmal aus der Feder von Klaus Müller:

Es geht Jan Assmann nicht primär um die Gewalthaltigkeit des Monotheismus, sondern um das Projekt der Aufklärung, das "wahr/falsch" der mosaischen Unterscheidung in einem höheren "Sowohl - als auch" aufzuheben. Dies stellt aber keine Gegenposition zur christlichen Theologie dar, sondern bildet einen in ihr seit je präsenten Tiefenstrom.

01 Februar 2013

Heft 81 von tà katoptrizómena ist erschienen!

Am Anfang

und versammelt folgende Texte:

EDITORIAL

VIEW

Am Anfang
Chauvet und die Folgen
Andreas Mertin

Am Anfang war das Wort
Von der Schwierigkeit, nicht nur Am Anfang zu sagen, sondern auch am Anfang zu beginnen
Andreas Mertin

RE-VIEW

Dummer, einfältiger Mond, bitteres Lachen und Atheismus
Eine Anmerkung zu Büchners Satz im Lenzfragment:
„Da griff der Atheismus in ihn“
Hans Jürgen Benedict

Gott 9.0
Eine Rezension
Stefan Schütze

"Will Grohmann war hier“
Im Netzwerk der Moderne. Kirchner, Braque, Kandinsky, Klee ... Richter, Bacon, Altenbourg und ihr Kritiker Will Grohmann
Barbara Wucherer-Staar

Krimi
Ein Bild und ein Buch
Andreas Mertin

Melancholia oder: Die Kirche im Dorf
Dokumentation des Kirchbautages 2011 in Rostock
Andreas Mertin

Man kann ja mal fragen
Zeitgenössische Kunst zur Bibel
Andreas Mertin

Unter Beteiligung
Kurzvorstellungen
Andreas Mertin

POST

Melancholie des Anfangs
Besprechungen ausgewählter Videoclips XXXV
Andreas Mertin

Im Schatten des Kreuzes
Notiz zu einer Auseinandersetzung
Andreas Mertin

"Stultorum plena sunt omnia"
Oder: Argumente im Sinkflug
Andreas Mertin

24 Dezember 2012

Ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest!

Geburt Christi, ca. 330 n. Chr.

01 Dezember 2012

Heft 80 von tà katoptrizómena ist erschienen!

Heft 80 des Magazins für Kunst | Kultur | Theologie | Ästhetik

ist ein
 CONTAINER
und versammelt folgende Texte:

EDITORIAL

VIEW

"Wer ein Wort des Trostes spricht,
ist ein Verräter"

Eine Collage
Andreas Mertin

Herbst
Eine Predigt
Hans-Jürgen Benedict

Sicherheit und Wagnis
Der Container als künstlerisch-philosophisch-theologisches Konstrukt
Matthias Giesel

‘Haustierphilosophie‘– oder zur Überwindung des Untiers im Menschen.
Eine kleine Bemerkung zur ‚Philosophie des Zwischenmenschlichen‘ bei Martin Buber
Frauke A. Kurbacher

RE-VIEW

Charmeoffensive
Eine Notiz
Andreas Mertin

Ekstasis oder: Im Rausch der Farben
Manessier in Bremen
Andreas Mertin

"Gott gibt es. Wie wäre ich sonst zu zwei Leben gekommen?"
Gott als Spieler in Nadolnys Roman „Weitlings Sommerfrische“
Hans-Jürgen Benedict

Kunst und Kultur des Islam
Eine Rezension
Andreas Mertin

Tee am Fujiyama
Stichworte zur Malerei von Kazuo Katase aus den letzten drei Jahren
Barbara Wucherer-Staar

POST

sic transit gloria mundi
Neue Deutsche Weinerlichkeit zwischen Krieg, Kommerz und Kitsch
Andreas Mertin

The Return of Religion?
Besprechungen ausgewählter Videoclips XXXIV
Andreas Mertin